Welche Entschädigungsansprüche bestehen bei einer dauerhaften Beeinträchtigung nach einem Verkehrsunfall?
Ein Verkehrsunfall beschränkt sich nicht immer auf die unmittelbar nach dem Unfall eingetretenen Verletzungen. In vielen Fällen bleiben gesundheitliche Beeinträchtigungen zurück, die das Leben der verletzten Person über Jahre oder sogar dauerhaft beeinflussen.
Eingeschränkte Beweglichkeit von Armen oder Beinen, der Verlust eines Organs, Nervenschäden, Seh- oder Hörverlust, dauerhafte Narben oder Entstellungen im Gesichtsbereich sowie eine eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit können sowohl das Berufsleben als auch den Alltag erheblich beeinträchtigen.
Viele Betroffene gehen davon aus, dass ihnen in solchen Fällen lediglich eine Invaliditätsrente oder eine Versicherungsleistung zusteht. Nach dem türkischen Obligationenrecht kann eine unfallbedingte dauerhafte Arbeitsunfähigkeit oder bleibende körperliche Beeinträchtigung jedoch zahlreiche Schadensersatzansprüche begründen. Voraussetzung ist allerdings, dass sämtliche Schäden zutreffend ermittelt und die Ansprüche rechtzeitig und fachgerecht geltend gemacht werden.
Was bedeutet eine dauerhafte Beeinträchtigung (dauerhafte Arbeitsunfähigkeit)?
Von einer dauerhaften Beeinträchtigung spricht man, wenn die infolge eines Verkehrsunfalls eingetretene Verletzung trotz abgeschlossener Behandlung nicht vollständig ausheilt und dauerhaft zu einer Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit oder der Erwerbsfähigkeit führt.
Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die betroffene Person überhaupt nicht mehr arbeiten kann. Viele Verletzte setzen ihre bisherige Tätigkeit fort, müssen hierfür jedoch deutlich mehr körperliche Anstrengung aufbringen oder können bestimmte Arbeiten nicht mehr ausführen.
Hierzu gehören beispielsweise:
- dauerhafte Einschränkungen der Schulterbeweglichkeit,
- Bewegungseinschränkungen des Knies oder Sprunggelenks,
- Funktionsverlust einzelner Finger,
- bleibende Nervenschäden,
- Verlust des Seh- oder Hörvermögens,
- Organverlust sowie
- dauerhafte Narben oder Entstellungen im Gesichtsbereich.
All diese Beeinträchtigungen können eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit im rechtlichen Sinne begründen.
Besteht auch dann ein Schadensersatzanspruch, wenn ich weiterhin arbeite?
Ja.
Dies gehört zu den häufigsten Missverständnissen im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen.
Viele Betroffene glauben, dass ein Anspruch auf Schadensersatz entfällt, sobald sie ihre bisherige berufliche Tätigkeit wieder aufnehmen können. Diese Annahme entspricht jedoch nicht der türkischen Rechtsprechung.
Nach der ständigen Rechtsprechung des türkischen Kassationsgerichtshofs (Yargıtay) kann auch dann ein ersatzfähiger Vermögensschaden vorliegen, wenn die verletzte Person ihre bisherige Tätigkeit weiterhin ausübt und keine unmittelbare Einkommenseinbuße erleidet, für dieselbe Arbeit jedoch dauerhaft einen erheblich höheren körperlichen Aufwand leisten muss.
In der Rechtspraxis wird dies als Verlust der körperlichen Leistungsfähigkeit beziehungsweise als erhöhter körperlicher Mehraufwand berücksichtigt.
So kann beispielsweise ein Elektriker trotz einer dauerhaften Bewegungseinschränkung der Schulter weiterhin arbeiten. Muss er für dieselben Tätigkeiten jedoch dauerhaft deutlich mehr Kraft aufwenden als vor dem Unfall, fließt dieser zusätzliche körperliche Aufwand ebenfalls in die Berechnung des Schadensersatzes ein.
Welche Entschädigungsansprüche kommen bei einer dauerhaften Beeinträchtigung in Betracht?
Eine dauerhafte Beeinträchtigung führt regelmäßig nicht nur zu einem einzigen Schadensersatzanspruch. Je nach den Umständen des Einzelfalls können insbesondere folgende Schadenspositionen geltend gemacht werden:
- Entschädigung wegen dauerhafter Arbeitsunfähigkeit,
- Verdienstausfall aufgrund vorübergehender Arbeitsunfähigkeit,
- Heilbehandlungskosten,
- zukünftige Operations- und Behandlungskosten,
- Kosten für Prothesen und medizinische Hilfsmittel,
- Pflegekosten,
- Fahrt- und Begleitpersonkosten sowie
- Schmerzensgeld.
Welche Ansprüche im Einzelfall bestehen, hängt stets von den konkreten Folgen des Verkehrsunfalls ab und muss individuell geprüft werden.
Wie wird der Grad der dauerhaften Beeinträchtigung festgestellt?
Für die Höhe des Schadensersatzes ist insbesondere der Grad der dauerhaften Beeinträchtigung von erheblicher Bedeutung.
Dieser richtet sich nicht allein nach der medizinischen Behandlung, sondern wird unter Berücksichtigung der dauerhaften Unfallfolgen, der Einschränkung einzelner Organfunktionen, des ausgeübten Berufs sowie der Auswirkungen auf die Erwerbsfähigkeit durch medizinische Sachverständige oder spezialisierte Gesundheitskommissionen festgestellt.
Die Gerichte stützen sich dabei regelmäßig auf Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin oder anderer gerichtlicher Sachverständiger.
Allerdings reicht der festgestellte Beeinträchtigungsgrad allein für die Berechnung des Schadensersatzes nicht aus. Zwei Personen mit demselben Invaliditätsgrad können aufgrund ihres Alters, ihres Berufs oder ihrer Einkommensverhältnisse Anspruch auf unterschiedlich hohe Entschädigungen haben.
Können auch Hausfrauen und Rentner Schadensersatz verlangen?
Ja.
Nicht nur berufstätige Personen können aufgrund einer dauerhaften Beeinträchtigung Anspruch auf Schadensersatz haben.
Auch Personen, deren alltägliche Lebensführung durch die Unfallfolgen erheblich erschwert wird, können unter bestimmten Voraussetzungen entschädigungsberechtigt sein.
Nach der Rechtsprechung des türkischen Kassationsgerichtshofs stellt es auch einen ersatzfähigen wirtschaftlichen Nachteil dar, wenn Hausfrauen infolge ihrer Verletzungen die gewöhnlichen Haushaltsarbeiten nur noch unter erheblichem Mehraufwand verrichten können.
Eine vergleichbare Bewertung kommt auch bei Rentnern in Betracht, deren alltägliche Lebensführung durch die unfallbedingten Einschränkungen wesentlich erschwert wird.
Die Aussage „Ich war nicht berufstätig und habe deshalb keinen Anspruch auf Schadensersatz.“ trifft daher keineswegs in jedem Fall zu.
Können dauerhafte Narben und ästhetische Beeinträchtigungen einen Schadensersatzanspruch begründen?
Einige Verkehrsunfälle hinterlassen dauerhafte Narben oder Entstellungen im Gesicht oder an anderen Körperstellen. Insbesondere Veränderungen im Gesichtsbereich stellen nicht lediglich ein ästhetisches Problem dar, sondern können das soziale Leben, das psychische Wohlbefinden und sogar die berufliche Zukunft der betroffenen Person nachhaltig beeinträchtigen.
Auch solche Unfallfolgen können – je nach den Umständen des Einzelfalls – bei der Bemessung des materiellen und immateriellen Schadensersatzes berücksichtigt werden. Dies gilt insbesondere dann, wenn das äußere Erscheinungsbild für die Ausübung des Berufs von wesentlicher Bedeutung ist und sich die Verletzung nachteilig auf die zukünftigen Erwerbsmöglichkeiten auswirken kann.
Häufige Fehler bei der Berechnung des Schadensersatzes
In der Praxis treten bei der Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen nach einem Verkehrsunfall immer wieder dieselben Fehler auf. Hierzu zählen insbesondere:
- die ausschließliche Orientierung am Invaliditätsgrad,
- die Nichtberücksichtigung künftig erforderlicher Behandlungen oder Operationen,
- das Unterlassen der Geltendmachung von Pflege- oder Begleitpersonkosten,
- eine unzureichende Dokumentation der Einkommensverhältnisse sowie
- die Verwechslung von Schäden aufgrund vorübergehender und dauerhafter Arbeitsunfähigkeit.
Solche Fehler können dazu führen, dass Geschädigte eine deutlich geringere Entschädigung erhalten, als ihnen nach türkischem Recht tatsächlich zusteht.
Bewertung von LegalMed Turkey
Eine dauerhafte Beeinträchtigung gehört zu den schwerwiegendsten Folgen eines Verkehrsunfalls. Sie wirkt sich häufig nicht nur auf die Gesundheit, sondern auch auf die wirtschaftliche Existenz, das Berufsleben und die persönliche Lebensführung der betroffenen Person aus.
Deshalb sollte die Höhe des Schadensersatzes nicht ausschließlich anhand des Invaliditätsgrades bestimmt werden. Ebenso zu berücksichtigen sind unter anderem das Alter, der Beruf, die Einkommensverhältnisse, die persönlichen Lebensumstände sowie der zukünftige Behandlungs- und Unterstützungsbedarf.
Wenn Sie nach einem Verkehrsunfall in der Türkei unter einer dauerhaften gesundheitlichen Beeinträchtigung leiden oder wissen möchten, ob Ihre Verletzungen einen Anspruch auf Schadensersatz begründen, empfiehlt sich eine frühzeitige Prüfung Ihres Falls durch einen auf türkisches Verkehrs- und Schadensersatzrecht spezialisierten Rechtsanwalt. Eine sorgfältige rechtliche Bewertung kann dazu beitragen, vermeidbare Rechts- und Vermögensnachteile zu verhindern.
